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It‘s times like these… | Island

„It‘s times like these you learn to live again“, trällert es durch das Autoradio. Die Lüftung surrt, die Landschaft zieht im Dunkeln vorbei. Wir sind einige Kilometer nördlich von  Reykjavik. Unser Ziel: ein Wasserfall. Unsere Mission: die Polarlichter. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiss: Wir werden sie nicht nur an diesem Abend sehen. Dafür wird wenige Stunden später meine Kamera ihren letzten Schuss machen. Aber beginnen wir von vorne.

Als ich Anfang des Jahres von einer guten Freundin gefragt wurde, ob ich nicht Lust auf ein Fotografie-Bootcamp in Island hätte, sagte ich ganz spontan zu. Voller Vorfreude buchte ich meine Flüge, die kurz vor Abreise von Airberlin gecancelt wurden. Glück im Unglück: Ich erhielt noch einen Platz bei einer anderen Airline. Meine Reisebegleitung hatte hingegen Pech. Die Gesundheit erlaubte es ihr nicht, mitzufliegen. So hiess es für mich: 8 Tage Island mit 12 Männern.

Und so stehe ich nun da, den Blick gespannt in den Himmel gerichtet. Ich drücke den Auslöser vorsichtig durch. Das rote Lämpchen blinkt. Die Wolken ziehen schnell vorbei. Dahinter ein grünlich schimmernder Schleier. Zehn Sekunden sind es noch, bis mein Bild auf meinem Display erscheint.

Mit dieser Truppe geht einiges, das war mir bereits in den ersten Tagen klar. Jedem war die Freude auf die Tage in der kargen Natur Islands anzusehen. Doch während meine Mitreisenden voll ausgerüstet waren für lange Nächte in der Natur, sah es bei mir etwas mau aus. So richtig hatte ich mich nie mit Landschafts- und Nachtfotografie beschäftigt. Doch das änderte sich schnell. Dank unseren Guides Jorge und Kristof wurde ich von Tag zu Tag motivierter und ambitionierter. Der Einsatz eines Stativs war für mich zu Beginn zwar sehr ungewohnt, der Nutzen davon wurde mir spätestens beim Fotografieren des ersten Wasserfalls klar: Wer fliessendes Wasser zeigen möchte, schafft das nur mit einer langen Belichtungszeit. Ohne Stativ – keine Chance.

Klack. Das rote Lämpchen erlischt. Mein Bildschirm zeigt den Sternenhimmel in blau-roter Farbe, ein feines grün ist in der rechten Ecke zu sehen. Es sind die Polarlichter. Mein Herz hüpft leise in meiner Brust. Dass ich sowas jemals in meinem Leben zu sehen bekomme, damit hätte ich nicht gerechnet. Und dann die Meldung: „Err 20.“ Nichts geht mehr. Kamera tot. Leid liegt dem Glück immer nah. Wie immer im Leben.

Und das Leben ist nicht ganz einfach in Island. Wer nicht in der Hauptstadt wohnt, ist oftmals fernab von der Zivilisation. Kilometerlange kein Haus in Sicht – geschweige denn einen Supermarkt. Dann die etwas härteren Wetterbedingungen, die zumindest mir zu schaffen machten. Die Kälte drang an manchen Tagen bis tief in die Knochen ein. An anderen Tagen hingegen war es ungewohnt warm. Insgesamt hatten wir aber unglaubliches Glück mit dem Wetter. Nur selten regnete es. Meist schien die Sonne, wenn wir uns auf den Weg zu Schluchten, Wasserfällen und schwarzen Stränden machten.

Ich schaue in den Himmel. Die Kälte prickelt auf meiner Haut. An diesem zweiten Abend sind die Polarlichter über uns noch viel klarer zu sehen. Ich drücke auf den Auslöser der ausgeliehenen Kamera. Das rote Lämpchen beginnt zu leuchten. Zeit, die Augen zu schliessen und den Augenblick zu geniessen. „It’s times like these…“