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Die Achterbahn | Ein Porträt

„Über dich würde ich schreiben. Du hast eine Geschichte, die Menschen fasziniert“, sage ich zu ihr. Sie wirft den Kopf in den Nacken und lacht. Ich kenne sie gut. Ich kenne sie lange. Vor 14 Jahren schrieb mir Alex eine belanglose Nachricht zu meinem Geburtstag. Wir waren beide auf einem Fanforum von P!nk angemeldet. Ich war 16 Jahre alt. Alex war 14. Damals wusste ich noch nichts von der Achterbahnfahrt, die wir beide im Laufe der Jahre fahren werden. Doch das änderte sich bald.

„Hör dir diesen Song an. Er ist so heftig!“, sagt sie und dreht den Lautstärkenpegler nach oben. Die Luft erzittert. Nisse singt die erste Zeile. Lautlos bewegen sich Alex Lippen. Sie setzt den Blinker und biegt ab. Wir wollen in die Höhe. Wir wollen in die Alpen. Dort, wo sie immer hinfährt, um Kraft zu tanken.

„Sie sagen Mädchen bleib am Boden
Du kannst die Schwerkraft nicht besiegen
Und während sie das sagen
Lernst Du einfach – fliegen“

Alex hatte eine behütete Kindheit. Mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder reiste sie um die Welt. Sie sah die schönsten Strände und die tollsten Städte. Von ihrem Papa lernte sie die Liebe zur Musik kennen. Sie entdeckte das Singen für sich. Sie coverte Songs und teilte sie mit ihren Freunden. Sie lauschte vielen Konzerten und fühlte sich angezogen von kreativen Geistern und spannenden Persönlichkeiten. Zerbrechliche und vielschichtige Menschen faszinierten sie schon früh. Ihr Feingespür und der Hang zum Tiefgang war schnell entwickelt. Sie fühlte sich verbunden mit allem und jedem. Vor allem aber war sie verbunden mit ihrem Papa.

„Mir ging es so schlecht, dass dich meine Eltern aus der Schweiz zu mir geholt haben.“ Sie schaut mich an und lacht. Ihre blauen Augen blitzen. Ihr hellblondes Haar fliegt im Wind. Die Sonne reflektiert in ihrer Sonnenbrille. Sie hat die Autofenster eben erst geöffnet. Ich beobachte sie aus meinem Augenwinkel. Ich sehe, wie zufrieden sie ist. „Unvorstellbar“, denk ich mir. Ich sehe die Narben an Beinen und Armen vor mir. Ich sehe die Zerrissenheit in ihren Augen und die Leere in ihrem viel zu dünnen Körper. „Oh ja, ich erinnere mich“, sag ich zu ihr. Und dreh die Musik noch ein wenig lauter.

„Mit deinem Walkman und mit Anlauf
So viel Anlauf wie’s nur geht
Für alle Anderen sieht’s nach Angst aus
Doch Du bist mutiger denn je“

Alex war anders als jede Freundin, die ich bisher kannte. Sie war intensiver in allem, was sie tat. Ihre Liebe zu ihren Mitmenschen war genauso tief wie die Narben in ihrer Haut. Sie verstrickte sich in zahlreichen Leben mit wirren Geschichten. Sie liebte die Herausforderung. Sie liebte es zu helfen. Immer geben statt nehmen. Sie verlor sich in den Menschen, fuhr mit ihnen in den Abgrund und stiess den Karren aus eigener Kraft zum höchsten Punkt der Achterbahn. Einmal laut Jubeln, bevor es erneut rasant nach unten ging. Nicht mitfahren? Für Alex nie eine Option.

„Ich spreche oft mit Papa“, sagt sie und drückt einen Song weiter auf der Playliste. Die Berge ziehen an unserem Wagen vorbei. Über der Felskante lugen die letzten Sonnenstrahlen. Das warme Licht erleuchtet ihr Gesicht. Dessen Züge sind weich und voller Liebe, wenn sie von ihm spricht. Als wäre er nie gegangen.

„Und wir renn‘ nicht vor Problemem weg
Sondern auf die Lösung zu
Deshalb lieb‘ ich wie Du wegrennt
Denn niemand läufst so schön wie Du“

Alex Papa starb 2012 nach einer schweren, seltenen Krankheit. In der gleichen Zeit schloss sie ihre Ausbildung ab, kündigte ihren Job und machte sich selbstständig. Sie funktionierte wie ein Schweizer Uhrwerk. Sie war stark. Sie war tapfer. Sie vergoss keine Tränen. Sie tröstete andere, die in ihren Armen Schutz suchten. Sie war es gewohnt, den Karren aus dem Abgrund zu reissen. Sie hatte es bis anhin immer getan. Nur diesmal war es anders. Die Leere in ihren Augen, das Rasen ihres Herzes verrieten sie in den stillen Momenten, die kaum einer sah und sie selber erst gar nicht spüren wollte.

„Wusstest du, dass deine Nachricht damals der Auslöser für meine Anmeldung in der Klinik war?“, sie wirft mir einen Blick zu, biegt auf eine kleine Seitenstrasse ein. Wir haben es fast geschafft. Wir sind fast oben angekommen. Aus den Lautsprechern dröhnen die melodischen Klänge von Nisse. Sie hatte seine Musik erst neu entdeckt.

„Mit deinem Walkman und mit Anlauf
So viel Anlauf wie’s nur geht
Und weil Du nicht mehr an die Angst glaubst
Merkst Du wie Dir nichts mehr fehlt“

Alex zitterte. Alex schwitzte. Alex weinte. Die Panik hatte überhandgenommen. Die Angst war allgegenwärtig. Der Schmerz zerriss sie. Der Karren blieb stehen – ganz unten in der tiefsten Kurve. Einziger Ausweg: die Klinik. Endlich lernte sie, zu weinen. Endlich lernte sie, zu spüren – sich selber und das Leben. Sie lernte, zu nehmen und sich selber zu lieben, Grenzen zu erkennen und zu verstehen. Vor allem aber lernte sie, den Karren nicht immer alleine ziehen zu müssen. Nicht immer der Antreiber zu sein, sondern sich treiben zu lassen – durch die Wogen des Lebens und die Länder dieser Welt.

„Weisst du, ich bin gerade so glücklich“, sagt sie und zieht den Zündschlüssel. Die Musik verstummt. Sie öffnet die Türe, atmet tief ein und steigt aus. Wir sind oben angekommen. Die Sonne ist schon fast weg. Mehr als das Rauschen der Bäume und das Knistern unter unseren Schuhen ist nicht zu hören. Keine Jubelschreie sondern Stille empfängt uns. Wir sagen kein Wort. Unsere Blicke schweifen in die Ferne und ich weiss: Alex ist wieder oben angekommen. Ganz ohne Jubelschrei und alleine. In sich ruhend und zufrieden. „Dann schreib über mich!“